Meine Mutter die Hebamme

Die Autotür schlägt zu, die Haustüre geht auf und ich höre meine Mutter schon lachen. Anschliessend beginnt sie beim Zvieri eine lustige Anekdote zu erzählen:
«Bei einem Wochenbettbesuch hat mich der dreijährige, grössere Bruder entnervt gefragt, wie das nun aussehe, wie lange sie dieses schreiende Baby noch hüten müssen und wann ich es dann endlich wieder mitnehme und ihm dann seinen grossen Bruder bringe, den er sich gewünscht habe.»

Solche Geschichten erlebt meine Mutter Alexandra Gahlinger immer mal wieder. Meist sind es glückliche Momente, die sie miterleben darf, wenn sie als freipraktizierende Hebamme die Familien zu Hause im Wochenbett betreut. Dass sie Hebamme werden wollte, wusste sie nicht schon als Mädchen, wie das viele ihrer Kolleginnen immer wieder sagen. Erst als sie während eines Spitalpraktikums im Tessin bei einer Geburt dabei war, gab es plötzlich keinen anderen Berufswunsch mehr als Hebamme. Es waren nicht die süssen Babys, sondern die Arbeit mit den Frauen, was sie am Beruf der Hebamme faszinierte.
Doch Faszination allein reicht für diesen Beruf nicht. Das bemerkte sie schon, als sie nach der Diplommittelschule und einem Zwischenjahr mit Praktikum und Sprachaufenthalt an der damaligen Hebammenschule in Bern ihre Ausbildung begann. 
 

Auf dem Weg zur Hebamme 

Nicht ganz 21 Jahre alt startete sie ihre Ausbildung. Die auswärtigen Hebammenschülerinnen wohnten im sogenannten Schwesternhaus mit Hausmutter, was 1992 nicht mehr wirklich zeitgemäss war. Der Zeit voraus war hingegen die Klassenzusammenstellung. Etwa die Hälfte der Klasse waren Frauen über 35 Jahre alt, welche eine zweite Ausbildung nach ihrer Familienzeit anstrebten. Doch die Bedürfnisse der verschiedenen Altersgruppen konnten noch nicht immer im Ausbildungskonzept berücksichtigt werden. So geschah es, dass Alexandra für ihr erstes Praktikum nach Moutier geschickt wurde und eine ältere Mitschülerin den begehrten Platz im Bruderholzspital bekam, damit sie Ausbildung und Familie besser vereinbaren konnte. Der Start ins erste Praktikum war zusätzlich erschwert, da man in Moutier französisch spricht. Es kostetet sie einiges an Überwindung, sich zu Beginn mit ihrem Schulfranzösisch zu verständigen, und die Begeisterung für die Ausbildung schwand sehr. Sie fühlte sich so wie die Einwohner Moutiers, die zum Jura gehören wollten. Vergessen und verstossen von Bern und so etwas in der Art geschah dann auch noch. Für die ersten Zwischenprüfungen wurde Alexandra für ein falsches Datum nach Bern an die Hebammenschule aufgeboten. Ihr Ärger war gross, doch das Unverständnis und die Wut des Teams des Spitals Moutier waren viel grösser und sie fühlten sich einmal mehr bestätigt, dass sie definitiv zum Kanton Jura gehören müssten. 
Meine Mutter erzählt, dass das Praktikum in Moutier dann viel besser und lehrreicher war als gedacht. Da das Spital Moutier nur eine kleine geburtshilfliche Abteilung hatte, konnte sie als Lernende jeweils problemlos zwischen Gebärsaal und Wochenbettabteilung hin- und herwechseln und immer dort dabei sein, wo gerade etwas los war bzw. wo es für sie etwas zu lernen gab. Sie habe dort eine ganzheitliche, hebammengeleitete Geburtshilfe kennengerlernt, als es diesen Begriff noch gar nicht gab. Sie habe gelernt, dass es die Hebamme ist, die eine physiologische Geburt, d.h. eine Geburt ohne Komplikationen, betreut und leitet. Die Hebamme ist keine Assistentin des Arztes, sondern bei einer komplikationslosen Schwangerschaft und Geburt ist sie die Fachfrau und betreut die Frau und das Kind ohne ärztliche Verordnungen oder Kontrollen.                                                                                                                                   
Mit der französischen Sprache, wegen der ihre Begeisterung für den Praktikumsplatz und damit auch für die Ausbildung zuerst schwand, hatte sie sich dann auch angefreundet und so ging sie freiwillig auch für das zweite Praktikum nach Moutier. 

Die folgenden zwei Ausbildungsjahre fanden dann in der Deutschschweiz statt. Trotz der Begeisterung für den Beruf gab es auch immer schwierige Momente während der Ausbildung. Die unregelmässigen Arbeitszeiten waren für eine junge Frau nicht immer einfach mit dem Privatleben zu vereinbaren. Auch musste sie während der Ausbildung bald erkennen, dass es bei Schwangerschaften und Geburten zwar meist zu positiven Verläufen kommt, aber nicht immer. Sie sagt, Familien zu betreuen, bei denen Schwangerschaft und Geburt nicht glücklich enden, war während der Ausbildung und auch als junge Hebamme schwer zu verkraften. Vor allem während des Ausbildungspraktikums auf der Neonatologie sei sie oft an ihre Grenzen gestossen, wegen Frühgeburten, die mit der Beatmungsmaschine und vielen Medikamenten am Leben gehalten werden, aber in ihren Gesichtchen sieht man den Schmerz. Auch Eltern, die lange vergeblich auf ein Kind gehofft hatten und dann kam es bei der Geburt zu einer Komplikation und das Kind lag dann wochenlang mit einer schlechten Prognose auf der Neonatologie, haben sie sehr berührt und manchmal auch am Berufswunsch zweifeln lassen. 
Als sie nach drei Jahren theoretischer und praktischer Ausbildungszeit Ende 1994 ihre sogenannte Diplomgeburt leiten durfte, fühlte sie sich bereit für den Beruf und die Anforderungen. Sie erhielt dann auch ein Stellenangebot vom Kantonsspital Liestal, wo sie ihr letztes Praktikum absolviert hatte. 
 

Hebamme sein 

Im März 1995 startete sie als diplomierte Hebamme in einem 100%-Pensum im Gebärsaal. In dieser Zeit habe sie sehr viel Erfahrung gesammelt. Zu Beginn habe sie manchmal allein im Nachtdienst schon ein mulmiges Gefühl gehabt, wenn sich eine Gebärende telefonisch angemeldet habe und sie nicht wusste, in welchem Zustand die Frau dann bei ihr eintreffen würde. Auch sei es zu Beginn ihrer Tätigkeit immer stressig gewesen, wenn sie gemeinsam mit dem Team der Sanität ausfahren musste, weil es eine Gebärende nicht mehr rechtzeitig ins Spital schaffte und sie zu Hause Hilfe benötigte. Dies seien zum Glück immer schöne, ungeplante Hausgeburten gewesen und einmal bekam das Baby deshalb sogar ihren Namen, den Namen der Hebamme. Dank des medizinischen Fortschrittes und der sehr guten Gesundheitsversorgung ist es heute meist so, dass es auch bei schwierigen Schwangerschaftsverläufen oder Komplikationen bei der Geburt zu einem «guten Ergebnis» mit einem gesunden, lebensfähigen Kind und einer gesunden Mutter komme. Wenn ein Kind nicht lebensfähig ist, schon intrauterin, d.h. im Bauch der Mutter, stirbt oder eine Schwangerschaft z.B. wegen einer schweren Fehlbildung des Kindes abgebrochen wird, wird die Frau auch durch eine Hebamme betreut. In diesen Fällen ist sie als Hebamme noch heute mehr gefordert. Sie betont, dass dies für sie ein sehr wichtiger Teil ihrer Arbeit ist, denn gerade diese Familien brauchen die professionelle Betreuung und Unterstützung einer Fachfrau. Sie ist sich bewusst, dass beim Beruf Hebamme die meisten denken: Jöö, so süss, immer mit Babys arbeiten, immer sind alle glücklich und zufrieden. Das mit den Babys ist ein Teil ihrer Arbeit und sie ist nach wie vor fasziniert vom Wunder der Entstehung menschlichen Lebens und wie die Natur die Abläufe der Geburt steuert. Aber die Faszination und der Reiz des Berufs ist vor allem die Arbeit mit den Frauen. Eine Frau und die Familie in der sensiblen Phase des Übergangs in die Mutterschaft oder Elternschaft zu begleiten und zu unterstützen, ist das Anspruchsvolle und Spannende zu gleich. Oft ist sie dabei auch mehr Psychologin als Hebamme. 
Nach drei Jahren entschied sie sich, als Beleghebamme zu arbeiten. Eine Beleghebamme betreut die werdende Familie schon während der Schwangerschaft, führt Schwangerschaftskontrollen durch und bietet auch Geburtsvorbereitungskurse an. Wenn die Wehen einsetzen, meldet sich die Gebärende bei ihrer Beleghebamme und diese betreut sie dann im Spital während der ganzen Geburtsdauer. Sobald die Familie wieder zu Hause ist, wird sie auch wieder durch ihre Beleghebamme im Wochenbett zu Hause betreut. 
Die folgenden sechs Jahre arbeitete Alexandra Gahlinger als Beleghebamme am Kantonsspital Liestal und als freipraktizierende Hebamme. Sie betreute in dieser Zeit jährlich etwa 50 Familien. Sie erzählt, dass dies eine intensive Zeit war, denn sie war für «ihre Frauen» immer auf Abruf bereit, ausser sie war in den Ferien. Doch es sei auch die Zeit gewesen in ihrem Hebammenleben, in welchem sie sich zu 200% als Hebamme gefühlt habe. Die kontinuierliche Betreuung der Frauen habe zu viel mehr positiven Geburtserlebnissen bei den Frauen, aber auch bei ihr als Hebamme geführt. Auch die Beziehung zu den Familien sei viel intensiver und näher gewesen, als sie dies als Spitalhebamme erlebt habe.   
 

Beruf oder Berufung? 

In dieser Zeit wurde sie auch oft gefragt, ob Hebamme eine Berufung für sie sei. Ist es das oder nicht? Meine Mutter lacht schallend und sagt sofort:» Von Berufung spricht man doch nur, wenn man ins Kloster geht! Ich liebe meinen Beruf. Meist ist die Arbeit befriedigend, spannend und auch aussergewöhnlich, selten kann es aber auch anstrengend und belastend sein. Ich bin Frau, Mutter und Partnerin, aber Hebamme ist «nur» mein Beruf.» Das ist die Wahrnehmung meiner Mutter, aber von aussen betrachtete ist der Beruf Hebamme für mich durchaus eine Berufung, auf jeden Fall so, wie ihn meine Mutter lebt. Sie ist für ihre Familien immer erreichbar. Es ist keine Ausnahme, dass sie auch an Weihnachten zu einem Wochenbettbesuch fährt. Glücklicherweise reisen wir in den Ferien so weit weg, dass dann auch meine Mutter nicht mehr arbeiten kann. Trotzdem hatte ich nie das Gefühl, zu kurz zu kommen. Wenn ich sie brauche, ist sie immer da. 
Als sie dann selbst schwanger wurde, war ihr sofort klar, dass sie als Mutter nicht als Beleghebamme auf Abruf weiterarbeiten konnte und wollte. Nach der Mutterschaftspause arbeitete sie dann wieder in einem 30%-Pensum als Spitalhebamme und weiterhin ein wenig als freipraktizierende Hebamme im Kurswesen und in der Wochenbettbetreuung zu Hause. 
Freipraktizierende Hebammen arbeiten selbständig, d.h. sie sind nicht angestellt und benötigen für ihre Tätigkeit eine Bewilligung des jeweiligen Kantonsarztes. Sie stellen die erbrachten Leistungen der Krankenkasse der betreuten Frau in Rechnung. Die meisten freipraktizierenden Hebammen sind in der Wochenbettbetreuung tätig. Da die Wöchnerinnen heute im Durchschnitt drei Tage nach der Geburt das Spital verlassen, benötigen sie zu Hause die Beratung und Betreuung durch eine freipraktizierende Hebamme. Die Hebamme unterstützt die Frau beim Stillen, zeigt den Eltern die Babypflege, überwacht die Heilungs- und Rückbildungsprozesse bei der Mutter und berät auch bei den psychischen Herausforderungen, die die Geburt eines Kindes mit sich bringen. 
Ihr heutiges Arbeitspensum als Hebamme ist etwa 70%, auf das ganze Jahr gerechnet. Da aber Geburten nicht planbar sind, variiert auch jede Woche die Arbeitszeit. Ein «Gesetz» der Geburtshilfe sei es, dass oft alle Babys zur selben Zeit zur Welt kommen wollen. Dies wird gerne dem Vollmond oder dem Wetter zugeschrieben, doch das sei wissenschaftlich nicht belegt. 
 

Hebamme, Mutter und Hausfrau 

Meine Mutter sagt auch, dass sie immer einen Kinderwunsch hatte und dass ihre Arbeit als Hebamme diesen nicht beeinflusste. Sie ist der Meinung, dass die Tatsache, dass sie selbst geboren habe, sie nicht zu einer kompetenteren Hebamme gemacht habe. Sie sei als Frau und Mutter sehr dankbar, dass sie zwei komplikationslose Schwangerschaften und Geburten erleben durfte.                                                                      Hätte sie sich nicht verliebt oder wäre sie nicht schwanger geworden, wäre sie vielleicht mit einer Organisation in Afrika unterwegs, um Hebammen auszubilden. Doch sie sei sehr dankbar und zufrieden, wie ihr Leben jetzt sei. Sie meint, der Beruf der Hebamme sei für viele aussergewöhnlich, für sie sei aber die eigene Mutterschaft viel aussergewöhnlicher und es ist zurzeit die grosse Herausforderung, «ihre drei Berufe» unter einen Hut zu bringen. Sie erklärt das so: Hebamme ist ihr bezahlter Job, Mutter sein ist manchmal Leidenschaft und manchmal Wahnsinn und den Hausfrauenjob würde sie gerne abschaffen. Familie- und Hausarbeit werde viel zu wenig geschätzt, weil sie nicht bezahlt ist. Bei der Gleichstellung von Mann und Frau, den Frauenrechten und der Vereinbarkeit von Beruf und Familie habe es sicher grosse Fortschritte gegeben, wenn man bedenke, dass ja in ihrem Geburtsjahr 1971 erst das Frauenstimmrecht in der Schweiz eingeführt wurde, sagt sie augenzwinkernd. Da spüre ich wieder, wie politisch meine Mutter ist und wie stark sie sich für die Rechte der Frauen einsetzt, im Allgemeinen, aber auch für benachteiligte Frauen. Sie ist der Meinung, sie könne als Hebamme nicht unpolitisch denken und sei sicher eine Feministin. Das gehöre dazu und so sei sie auch schon seit der Hebammenausbildung geprägt worden. Ich habe im Interview bewusst darauf verzichtet, genauer auf politische Themen einzugehen. Denken wir nur an die Abstimmung zur AHV-Revision und deren Ausgang, da hätte meine Mutter Worte benutzt, welche ich für dieses Porträt nicht hätte aufschreiben dürfen! 

Als Hebamme ist meine Mutter an die Schweigepflicht gebunden und dies nimmt sie auch sehr ernst.
Deshalb nennt sie den Namen des Jungen nicht, der einmal enttäuscht gefragt hat:" Hebamme, wieso kommst Du denn immer mit dem Velo zu uns und nicht mit dem Storch?" Es gibt tatsächlich noch Kinder, denen vom Storch erzählt wird. 

Textsorte: Portrait 
Bild: Von mir